// die Vierte – Blockchain – der Heilsbringer?

13. Dezember 2018 | Kategorie: 5vor12

Heutiges Thema ist ein viel diskutiertes und spekulationsgeprägtes Thema. Die Blockchain.
Vorweg: Was genau ist Blockchain für euch?

Jeppe Hau Knudsen (JHK): Blockchain ist sicherlich eine wahnsinnig spannende Technologie. Aus Verbrauchersicht ist die Blockchain meiner Auffassung nach die Fähigkeit komplette Aufgabenketten abzuwickeln, welche allgegenwärtig in unserer Welt sind. Vergangenes Jahr wurde dieses Potenzial aber teilweise überhöht. Jetzt ist die Technologie dabei ihre wirkliche Rechtfertigung in konkreten Anwendungsfällen zu finden. Mit diesem Prozess wird einem breiteren Publikum auch klar werden, was genau die Blockchain eigentlich ist.
Meiner Meinung nach ist es keine Technologie, die der End-Consumer direkt spüren wird. Am meisten profitieren werden hier Unternehmer und Unternehmen die viele Kontaktpunkte, Interaktionen, Verträge, Zahlungsvorgänge oder komplexe Handlungsverläufe haben.

Jochen Carle (JC): Für mich ist die Blockchain eine wirklich elegante Methode und ein intelligentes Werkzeug, Automatismen in Geschäftsprozesse einzubauen – weit über das hinaus, was wir bis dato erreicht haben. Der Grundgedanke ist tatsächlich, dass man nicht nur Zahlungsvorgänge hinterlegt, sondern auch die Gründe dafür und die Bedingungen, unter denen eine Bezahlung ausgelöst wird. Das entspricht, wenn man so will der Mechanik des klassischen Notaranderkontos. Nur eben automatisiert. Das hat großes Potential da man damit in Bereiche vordringt, bei denen Automatisierung heute noch schwierig ist.

Wird dieses Potential bereits realisiert oder wurde die Blockchain bisher falsch verstanden?

JC: Ich glaube nur ganz wenige haben verstanden, was die Blockchain tatsächlich ist. Das Problem dabei waren der Hype und die Vorschusslorbeeren durch die Bitcoin-Spekulationsblase. Wieder ein Heilsversprechen. Wieder haben viele sich die Finger verbrannt.

Gibt es deiner Meinung nach schon konkrete Nutzenpotenziale?

JC: Manche sprechen im Zusammenhang mit der Blockchain von „hyper ledger“. Für mich eigentlich das viel bessere Wort, weil es viel mehr von dem beschreibt, was die Blockchain ausmacht.

Kann man sagen, dass die Spekulation um Bitcoin herum dem Projekt geschadet hat?

JC: Ich hoffe, mehr Menschen können mittlerweile unterscheiden zwischen Bitcoin, Blockchain und Hype. Und diejenigen, die sich ernsthaft damit beschäftigen, sehen darin weniger eine Anwendungsorientierte Technologie und lassen sich in dieser Hinsicht nicht blenden. Die Blockchain ist ein Automatisierungswerkzeug für Firmen.

JHK: Es gibt viel Halbwissen über die Blockchain. Und viele sind so überzeugt davon, dass sie geradezu eine missionierende Haltung einnehmen. Es stimmt, dass Blockchain viele Aufgaben übernehmen kann, aber auch das sprichwörtliche Schweizer Taschenmesser hat eine endliche Anzahl an Fähigkeiten. Ich glaube auch nicht, dass der Endkunde, die Technologie selber in den nächsten Jahren groß merken wird. Viel eher läuft sie als Funktionalität hinter Webpages, Apps und für IoT. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in zwei, drei Jahren auf unsere Webseite schreiben werden: „Wir arbeiten mit Blockchain“. Daher ist die Aufmerksamkeit, die aus Bitcoin, finanzkritischen Bloggern und Stammtischrunden entstanden ist, auf eine Art durchaus positiv zu sehen. Zwar hat sie viel Verwirrung erzeugt, es aber geschafft, eine an sich relativ trockene Technologie in die Masse zu tragen. Das beschleunigt sicherlich konkrete Umsetzungen, denn noch ist Blockchain ein Marketingbegriff für Firmen, der fast magnetisch auf potenzielle Kunden wirkt.

Wie seht ihr die Zukunft von Blockchain? Schicke Buchhaltungsmethode oder doch eine neue Währung?

JHK: In Verbindung mit Währung – ja klar. Immer wenn viele Transaktionen zu managen sind und erst recht, wenn es mit Geld, bei dem auf Vertrauen gesetzt werden muss, zusammenhängt.
Sicher ist es ein gutes Medium für Währungen, welches Label aber davor steht, hat meiner Meinung nach wenig Relevanz. Ob Bitcoin, Amex oder EC. Spürbarer wird dieser Trend zu Mobile und Digital Payment werden seit wir mit Apple Pay bezahlen können. Dass das Konsumverhalten sich in Bezug auf kontaktloses, aber auch bargeldloses Zahlen dadurch nochmal verschieben wird, ist für mich Fakt.
Dass Blockchain dabei unterstützend wirkt, ist gut möglich, vorerst spielt sie hierbei aber eine untergeordnete Rolle.

Seht ihr Sicherheitsrisiken in mit Blockchain implementierten Anwendungen? Immerhin gab es bei Ether, eine Währung, die auf Blockchain basiert, bereits einen schwerwiegenden Hack.

JHK: Ich denke die Technologie ist noch so neu, dass manche Risikofaktoren in ihren Umfängen noch gar nicht richtig erfasst worden sind. Ich bin mir relativ sicher, dass sich deswegen noch weitere Probleme auftun werden. Je nach Schwere des Risikos kann das die Technologie natürlich ernsthaft infrage stellen. Grundsätzlich aber hat sie das Potenzial einer höheren Sicherheit als bestehende Konzepte.
Und sind wir einmal ehrlich: Vollständige Sicherheit – wo gibt es das?

Wie relevant seht ihr die Blockchain im Vergleich zu anderen neuen Technologien? Hat sie das Potenzial disruptiv zu wirken oder ist es mehr eine Evolution bestehender Lösungsansätze?

JC: Es ist eine Basistechnologie, die keinen Frontend-, sondern einen Automatisierungseffekt im Backoffice haben wird. Das wird man insbesondere auf dem Arbeitsmarkt spüren. Gerade Berufsgruppen und Bereiche wie Buchhalter oder Banken werden einen schweren Stand haben. Dort ist regelbasiertes und meist wenig kreatives Arbeiten gefragt. Das kann vergleichsweise leicht durch Algorithmen abgelöst werden.

Treffen diese Anwendungsgebiete nur auf unsere entwickelte Welt zu?

JC: Die „westliche Welt“ und viele andere sind schon relativ gut organisiert. Interessant aber ist es für sehr viele Länder, für die das nicht zutrifft. Wo Besitznachweise, Grundstückskataster nicht existieren.
Wenn ein Land mithilfe der Blockchain an dieses Problem herangeht, wird ein Momentum erzeugt das nachhaltig Änderungen schaffen kann. Das Beispiel Litauen/Estland zeigt ja, wie ein Land durch den Einsatz moderner Informationstechnologie seine bürokratischen Prozesse vereinfachen und beschleunigen kann.
Helfen wird die Blockchain auch durch die automatische Transparenz, die sie erzeugt. Alles ist nachvollziehbar, ein perfekter Audit-Trail.

JHK: Bei neuen Technologien ist es auch immer ein Verdrängungswettbewerb. In diesem Falle insbesondere in Europa, Nordamerika oder teilweise auch Asien, bedingt durch technologische „Altlasten“ in unseren Systemen.
Daher werden die Technologien sich langsamer und vielleicht nicht so zielführend entwickeln können. Und das ist gleichzeitig eine Chance für Länder in Afrika, die in vielen Bereichen noch absolut am Anfang stehen. Wenn diese von Tag eins an auf diesen Technologieebenen anfangen zu arbeiten und diese effektiv nutzen, kann das zu einem echten Game Changer werden.
Beispiel wäre eine zu SAP konkurrierende Lösung, die auf Blockchain als Architektur gründet.
Ein Unternehmen ohne Altlast kann sich damit einen wirklichen Vorsprung verschaffen. Wenn diese Lösung dann in Europa aufschlägt, würden wir tatsächlich vor einer sehr großen Herausforderung stehen. Mit einer solchen Lösung wird man in vielen Punkten deutlich agiler, deutlich besser dokumentiert agieren, als existierende Anbieter das in den nächsten zehn Jahren können werden.
Mit oder ohne Blockchain.

#https://www.retarus.com/blog/de/was-ist-blockchain-und-was-ist-so-spannend-an-blockchain/
#https://morethandigital.info/blockchain-moeglichkeiten-und-anwendungen-der-technologie/
#https://www.wiwo.de/unternehmen/banken/blockchain-wie-hacker-um-eine-zukunftstechnologie-kaempfen/13834276.html